Wunderbar, es ist ein Grund zum Feiern, dass wir die wichtigsten gesellschaftlichen und bildungspolitischen Probleme unserer Zeit hinter uns haben! Das waren noch Zeiten, als sich die Universität mit überfüllten Hörsälen, Massenstudien und dem sprichwörtlichen Nagen am Hungertuch herumschlagen musste. Nun widmen wir uns einem wichtigeren Thema, das so jung ist und frisch ist, wie die Erforschung von Schwarzen Löchern, und ähnlich wie bei jenen, drohen wir nicht viel darin zu finden.
Die Frage, ob die Wikipedia wissenschaftstauglich ist, ob man aus ihr zitieren darf, ob ihr Name auf dem Gelände der Universität überhaupt ausgesprochen werden darf, beschäftigt offensichtlich eine ganze Generation von Akademikern, Akademikern in spe, und Pseudo-Akademikern. Mit letzterem Begriff wäre ich schon bei dem Manifest von Maren Lorenz, die Wikipedia als eine Art Begleiterscheinung unserer Zeit sieht, in der Bildung wie in einem Ausverkauf verschachert wird. Ich stimme ihr insofern zu, dass wenn eine Generation von Studenten, welche die Zukunft und die vielgepriesene “Elite von morgen” birgt, sich nur durch Wikipedia zu ihrem Diplomen und Doktortiteln hantelt, wir damit rechnen müssen, dass wir in der Zukunft von einem Haufen halbgebildeter Schwindler regiert, kontrolliert, versorgt und behandelt werden. Dass dies im Grunde der Situation entspricht, muss man nicht weiter ausführen. Doch die drohende Unterminierung von Bildung mit Wikipedia in Verbindung zu bringen, dem kann ich nicht zustimmen. Weniger also ist Wikipedia ein ungewolltes Produkt unserer Zeit, vielmehr ist die Debatte Ausdruck der Furcht vor der Zukunft.
Doch hier muss ich korrigieren, ich sage nicht: “Wikipedia ist die Zukunft! Lexika waren gestern! Ins Feuer damit!”, aber einzusehen, dass Bildung und Wissen in Form einer frei zugänglichen und veränderbaren Online-Enzyklopädie jedem zusteht, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Offensichtlich ist es aber keine Selbstverständlichkeit, für all die armen Seelen der Universitäten, die Wikipedia zitieren, sei es verbal oder auf dem Papier, zu differenzieren, welche Information aus der Wikipedia zu entnehmen und welche nicht. Ich persönlich zitiere nicht aus Wikipedia, sage aber jederzeit gerne unter Eid aus, sie zur Informationsbeschaffung benutzt zu haben. Genauso wenig zitiere ich, wenn es sich vermeiden lässt, aus anderen (gedruckten, eingeschränkt zugänglich und unbezahlbaren) Enzyklopädien, denn was die beiden gemeinsam haben, ist, dass ich sie zur Beschaffung von Basiswissen hernehme und nicht von spezifischen Details. Wenn ein Professor in der Literaturliste einer Arbeit eines Studenten das ungeliebte viersilbige Wort vorfindet, darf er selbstredend bewerten wie ihm beliebt. Ob nun mit Lob, Toleranz oder dem Rohrstock, das ist ihm überlassen, vielleicht ist er es sogar, der den Artikel geschrieben hat.